Über 100 (!) Jahre Steuer Karussellbetriebe

Die Legende der ältesten Karussellfirma in Lippe

Der Eintrag im Telefonbuch wirkt schlicht: Steuer, Siegfried – Vergnügungsbetrieb. Doch diese kleine Zeile manifestiert dennoch eine 100jährige Schaustellergeschichte, die ihren Beginn 1895 nahm, mit einem damals ratlosen Adolf Jakob Steuer, der nicht wusste, wie er einen Posten Mäntel verkaufen sollte…

Der gebürtige Lemgoer Adolf Jakob Steuer unterhielt einen Textilbetrieb, war gelernter Manufakturist, und stand 1895 vor dem Problem, einen Posten Mäntel loszuwerden, den er sich unachtsam hatte „andrehen“ lassen. Die Lösung bestand in einer Fahrt nach Blomberg, um dort auf dem Wilbasener Vieh- und Handelsmarkt seine Mäntel an den Mann zu bringen.Das Geschäft lief so hervorragend, dass Adolf Steuer von nun an auch weitere Märkte mit seinen Textilien beschickte und kräftig Jahrmarktsluft schnupperte.

Erste Kontakte und Freundschaften zu Schaustellern und Karussellbetreibern waren schnell geknüpft und kurze Zeit später legte er mit einer Schiffsschaukel den Grundstein für den heutigen Karussellbetrieb, der von seinem Enkel und seinem Urenkel heute geführt wird.

Großvater Adolf Steuer lernte auf dem Martini-Markt in Blomberg seine spätere Frau kennen, mit der er zwei Kinder hatte und siedelte nach Kirchheide um. Noch vor dem ersten Weltkrieg erweiterte sich der Betrieb um ein Pferdekarussell, Kettenkarussell, um Schießbuden mit Verlosung und um ein supermodernes Kinderkarussell, eine Attraktion, die damals kaum Vergleichbares fand.

Nach dem Tode des Gründers reiste Adolf-Junior mit den Fahrbetrieben von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, später bekam er Begleitung und Unterstützung durch seine Frau Lina, geborene Kaase, die aus einer Schaustellerfamilie aus Bad Oeynhausen stammte. Adolf Steuer wurde 1938 als einer der ersten Soldaten zur Wehrmacht eingezogen und verstarb im November 1949 an einem Kriegsleiden. Sowohl in den Kriegsjahren, als auch nach dem Tod ihres Mannes, führte Lina den Karussellbetrieb mit ihren Kindern weiter.

Früh musste ihr Sohn Siegfried das Engelbert-Kämpfer-Gymnasium verlassen, um Schwester und Mutter zu unterstützen. Der Vergnügungsbetrieb wurde um ein Kindersportkarussell erweitert. In Lippe eine Sensation, waren die schnittigen Autos auf dem Karussell doch vor allen Dingen für die kleinen Jungen ein Traum.

Durchschlagenden Erfolg hatten Siegfried und Lina Steuer dann mit dem Kauf einer Raupenbahn Ende der 60er. Die „Raupe“ mit dem grünen Verdeck war über die Grenzen Lippes hinaus bekannt, gab es doch kaum ein Karussell, was diesem Fahrbetrieb das Wasser reichen konnte. Nach 27jährigen Einsatz wurde die Raupe später an einen antiken Vergnügungsmarkt in Kassel weitergegeben. Doch auch mit den weiteren Käufen, einem „Verkehrskindergarten“ (der 2. der überhaupt in Deutschland existierte), mit dem Auto-Scooter, damals einer der 7 schönsten in Deutschland mit einer eigenen Rennbahn, die das Tempo der Wagen um ein drittel steigerte, sowie der Kindereisenbahn, mehreren modernsten Kinderkarussells und natürlich dem 2-Säulen-Musikexpress, der auch heute noch auf den Jahrmärkten die Runde dreht, schien der Erfolg vorprogrammiert.

Mit ihrem guten Geschäftssinn und ihrer lebensbejahenden Art hielt Lina Steuer gemeinsam mit ihrem Sohn das „Rad“ am Laufen und war auch noch im hohen Alter auf den Jahrmärkten aktiv. Den Traum 90 Jahre alt zu werden, konnte sich die große Dame des Karussellbetriebes leider nicht erfüllen, nur einen Monat vor ihrem 90. Geburtstag verstarb sie unerwartet. Heute leitet Siegfried Steuer mit seiner Frau Ursula, die er 1963 auf romantische Weise am Auto-Skooter kennenlernte, und Sohn Adolf das Unternehmen Steuer. Seine Töchter Angelika und Anja haben sich ebenfalls im Schaustellerberuf einen Namen gemacht und arbeiten selbständig mit eigenen Geschäften. Seit 30 Jahren ist der Hauptsitz der Firma am Detmolder Weg 129 im Lemgo und seit eben so langer Zeit ist Siegfried Steuer Marktleiter in Lemgo – ein Vertrauensbeweis, der keinerlei Erklärungen benötigt. Die Zeiten, in denen die Karussells noch per Hand oder mit dem Pferd angetrieben wurden, sind vorbei.

Doch ein harter Beruf wird es auch in Zukunft bleiben. „Solange wir nicht die nötige Unterstützung bekommen, wird es immer ein Risikogeschäft bleiben, obwohl im Durchschnitt ein Bundesbürger drei mal im Jahr eine Kirmes oder einen Jahrmarkt besucht“, zieht Siegfried Steuer Bilanz. „Auseinandersetzungen mit Einzelhändlern, die sich gegen Stände oder Buden vor ihren Geschäften erzürnen, wird es immer geben, obgleich Folgegeschäfte für die Firmeninhaber vorprogrammiert sind“.

Lippische Wochenschau vom 07.12.1995
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Jahre Erfahrung
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Fahrgeschäfte
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